Lektion 2

In Lektion 1 haben wir festgestellt, dass alles Sichtbare existiert, d.h. es ist existent, oder besser gesagt, es ist die Existenz an sich. Wir haben weiters über durch unsere für uns sichtbaren Dinge Überlegungen angestellt, wir haben sie miteinander verglichen und kamen zu dem Resultat, dass der wissende Mensch erhabener als alle anderen Menschen und Arten ist.

Jetzt fragen wir uns:
Wer ist der Untersuchende, der Vergleichende, der zu einem Resultat kommt?
Wer ist der, der zwischen den Arten unterscheiden konnte und sie in ihrer Wertstellung einstufte und über ihre Bevorzugung und Priorität der Arten urteilte? Wer ist das?
Ist es nicht so, dass jene Unterscheidung und jenes Urteil Wirkungen einer Ursache sind und dass alle Wirkungen auf Existenz hinweisen und nicht auf Inexistenz? Also sind der Unterscheidende und Urteilende existent.
Und ist es nicht so, dass wir selbst dieser Unterscheidende und Urteilende sind?
Ist es nicht so, dass jeder von uns etwas besitzt, das unterscheidet?
Nun, dieses Etwas ist entweder außerhalb von uns oder innerhalb von uns, darüber sind wir uns doch einig, oder?

Wenn wir nun zur Überzeugung gelangen, dass dieser Unterscheidende und dieser Urteilende ein Teil von uns ist und dass jeder von uns dieses unterscheidende Etwas besitzt, und zwar überall, in jedem Zustand und zu jeder Zeit, so fragen wir uns:
Was ist das Wesen, was ist die Essenz und die Natur dieses Dinges, und was für eine Existenz ist dieses Ding überhaupt?
Und wenn wir sagen würden, dass dieses Etwas außerhalb von uns liegt - in welcher Beziehung steht es dann zu uns?
Und obendrein – wer sind wir selbst, wenn dieses Etwas außerhalb von uns liegt?
Und wenn wir behaupten, dass dieses Etwas, dieses unterscheidende und urteilende Ding, in uns liegt – wo liegt es dann in uns?
Und wenn wir sagen würden, dieses Etwas ist ein sichtbarer oder verborgener Körperteil von uns, so fragen wir uns: welcher Körperteil ist es?

Besitzt auch der Tote, dessen äußere und innere Teile unversehrt sind, dieses Ding?
Unterscheidet auch der Tote und kann er auch urteilen? Wir sehen, dass dies nicht der Fall ist.
Und wenn wir feststellen, dass dieses Ding nicht mit unseren anderen Körperteilen ident ist, was geschieht dann damit nach dem Tode des Menschen?
Ist es vernichtet oder ist es weiter existent?
Wenn es vernichtet ist: hat es sich selbst vernichtet?
Oder wurde es durch andere vernichtet?

Wenn wir die letzte Frage bejahen: wer ist dieser andere, der es vernichtete?
Und warum hat er es vernichtet?
Warum hat es sich nicht verteidigt?
Was bedeutet überhaupt ‚vernichten’?
Und wie wird eine Existenz zur Inexistenz?
Kann man behaupten, dass die Existenz von selbst zur Inexistenz wurde, oder vernichtete sich die Existenz zur Inexistenz?
Und wenn es noch existiert, wo befindet es sich nach dem Tode?
Und was geschah mit ihm danach?
Warum sehen wir es nicht, warum sind wir nicht imstande, es mit den Augen wahrzunehmen?
Was bedeutet das Sterben an sich?
Was ist der Unterschied zwischen dem Sterben und dem Leben?
Was ist der Tod und was ist das Leben?
Ist das Sterben identisch mit Vernichtung? Oder hat das Sterben einen anderen Sinn?

Wir fragen uns weiter:
Wer bin ich, der dieses Etwas besitzt?
Bin ich etwas anderes als dieses Etwas? Oder habe ich dieselbe Identität wie es?
Und wenn ich sage: ich bin es, der unterscheidet, und ich bin es, der wertet, und ich bin es, der vergleicht – ist der Aussagende dieser Behauptung, d.h. der Urteilende, der Unterscheidende und der Vergleichende, jemand anderer oder etwas anderes als ich, oder ist dieser Aussagende ich selbst?
Und wenn ich sage: ‚Dieser Aussagende ist nicht ich, sondern etwas anderes oder jemand anderer’ - wie kann ich eine Handlung, die von anderen oder von etwas anderem begangen wurde, mir zuschreiben, sodass ich sagen kann: ‚Ich habe es getan’?

So stellen sich viele weitere Fragen. Sollten wir nicht auf die einzelnen Fragen eingehen?
Sollte man nicht für wesentliche Dinge empfänglich sein?
Sind wir nicht verpflichtet zu wissen, wer wir sind? Was meinen Sie?

Nach dieser Lektion können wir ohne Bedenken zugeben, dass jeder von uns etwas besitzt, womit er die Dinge unterscheidet, miteinander vergleicht und ein Urteil fällt und resümiert. Wie sollen wir dieses Etwas benennen? – Wir können es nennen, wie wir wollen. Wir streiten uns nicht über die Benennung. Sie können es die unterscheidende Kraft nennen, Sie können es auch Intelligenzkraft oder Geist oder Vernunft nennen, oder aber Weisheit und Intelligenz, oder Seele, oder aber als „Ich“ und vieles andere mehr bezeichnen. Von äußerster Wichtigkeit dabei ist, dass wir im Buch unseres Daseins - wenn wir unsere Existenz als Buch bezeichnen - bewusst und überlegt blättern und dass wir das ganze Buch wortwörtlich wahrnehmen und mit Bewusstheit vorgehen und feststellen:
Wer ist eigentlich diese unterscheidende Kraft, und wer ist eigentlich dieser Mensch?
Wo kommt er her?
Wo geht er hin?
Was war sein Anfang und wie wird sein Ende sein?
Kann er unnütz, absurd und nichtig sein?
Ist er eine zufällige Zusammensetzung, ein Zufallsprodukt des Aneinanderreihens von Teilchen, Molekülen, Atomen, Protonen und Neutronen, und bedeutet das Sterben seine Vernichtung?
Und ist es so, dass es mit dem Tod und der Zerstörung des Körpers keinen Menschen mehr gibt und niemand mehr übrig bleibt? So wie ein Krug, der „zufällig“ entstanden und dann zufällig zerbrochen ist, sodass es keinen Krug mehr gibt?

Überlegen wir logisch und schauen wir, wohin wir mit unserer Beweisführung gelangen und was wir daraus resultieren.

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