DER VOLLKOMMENE MENSCH

Eine unvollkommene Beschreibung des vollkommenen Menschen der Zeit

„Wie lieblich duftet der Atem
der Sehnsüchtigen nach Liebe
... denen das Herz blutet voller Sehnsucht
... denen das Antlitz lächelt voller Hoffnung.“
Das Summen des Daseins in allen Momenten des Lebens ist nichts anderes als die sanfte, herzerquickende Melodie des Welayat mit einem Klang, den nur hochherzige Menschen zu hören vermögen.

Verneigend in Richtung Kaaba des Herzens
im Feuertempel der Brust
neben der Wunderquelle der Tränen des Anbetens
im Einklang mit dem gesamten Dasein
beglückwünschen alle
von den winzigsten Granen bis zu den gewaltigsten Galaxien
das Aufblühen der roten Tulpe des Welayat
im Blumengarten von Nargis (s.).
WIR GRATULIEREN!

In der Sprache des Flehens bitten wir den Allmächtigen um das Erscheinen des herzerfreuenden Antlitzes des heutigen Geburtstagskindes und um die wundervolle Glückseligkeit seiner Kenntnis, seiner Liebe, die Begegnung mit ihm und seine Fürsprache für alle Sehnsüchtigen in der Welt.

„Und wir wollen denen, die im Lande als schwach erachtet wurden, Huld erweisen und sie zu Führern machen und zu Erben einsetzen.“ Imam Bagher a.s. sagte: „Wenn der Imam der Zeit erscheint und sich an das Haus der Kaaba anlehnt, werden 313 Mo’men sich um ihn scharen und er wird folgenden Vers aussprechen:
‚Das was Allah (bei euch) ließ, ist besser für euch, wenn ihr Gläubige seid [...]’
und hinzufügen:
‚Ich bin es, den Allah bei euch gelassen hat.
Ich bin der Beweis Gottes
und der Stellvertreter Gottes unter euch.’


Der erhabene Prophet Gottes sagt in einer Überlieferung: „Und wenn es auch der letzte Tag wäre, der anbricht, so würde Gott diesen Tag so ausdehnen, bis ein rechtschaffener Mann aus meinem Haus erscheint, der die von Unterdrückung und Ungerechtigkeit erschütterte Welt mit Gerechtigkeit erfüllt.“

GOTT

Die Einheit und Einzigkeit Gottes ist nicht als mathematische Einheit zu verstehen, sodass man die Behauptung aufstellt, Er sei eins und nicht zwei oder drei, sondern Er ist die Wahrheit des Daseins: „Er ist der Erste und der Letzte, der Offenbare und der Verborgene, und Er ist der Kenner aller Dinge.“ „Und Allah gehört der Osten und der Westen; wo immer ihr euch also hinwendet, dort ist das Antlitz Allahs. [...]“ Gott ist die Bedeutung des Wortes „Dasein“. Er ist die Existenz per se und mit dieser Existenz vergleichbar ist die imaginäre Existenz alles Seienden, deren Wirken und Werken den Ursprung in der Schönheit und Pracht Gottes hat und in vollkommener, unabdingbarer, ununterbrochener Abhängigkeit von Ihm ist.

DER MENSCH
ist der Auserwählte der Schöpfung und die Quintessenz der ganzen Schöpfung und geliebt von Gott. Er besitzt die Fähigkeit, höchste Erscheinungsstatt und Offenbarungsstätte Gottes zu sein. Er hat in seinem Wesen Vorrang vor den Engeln Gottes; er ist ein Wunderwerk, das Gott durch das Lehren der Namen auszeichnete und Sich dadurch das Prädikat ‚allgütig’ gab. Aufgrund des Wissens der Namen (d.h. aufgrund der potentiellen Kenntnis der Geheimnisse des Daseins) wies Er die Engel an, sich vor ihm niederzuwerfen (ihm ergeben zu sein). „Und als dein Herr zu den Engeln sprach: ‚Wahrlich, Ich werde auf der Erde einen Nachfolger einsetzen’, sagten sie: ’Willst Du auf ihr jemanden einsetzen, der auf ihr Unheil anrichtet und Blut vergießt, wo wir doch Dein Lob preisen und Deine Herrlichkeit rühmen?’ Er sagte: ‚Wahrlich, Ich weiß, was ihr nicht wisst.’ Und Er brachte Adam alle Namen bei, dann brachte Er diese vor die Engel und sagte: ‚Nennt mir die Namen dieser Dinge, wenn ihr wahrhaftig seid!’ Sie sprachen: ‚Gepriesen bist Du. Wir haben kein wissen außer dem, was Du uns gelehrt hast; wahrlich, Du bist der Allwissende, der Allweise.’ Er sprach: ‚O Adam, nenne ihnen ihre Namen!’ Und als er ihnen ihre Namen nannte, sprach Er: ‚Habe Ich nicht gesagt, dass Ich das Verborgene der Himmel und der Erde kenne, und dass Ich kenne, was ihr offenbart und was ihr verborgen gehalten habt.’ Und als Wir zu den Engeln sprachen: ‚Werft euch vor Adam nieder’, da warfen sie sich nieder bis auf Iblis; er weigerte sich und war hochmütig. Und damit wurde er einer der Ungläubigen.“
Und Er sagte zu ihm: „Oh Mein Diener, folge Mir, damit ich dich Mir gleichstelle.“
Schließlich ist der Wert der Menschen so unermesslich, dass durch nicht-obligatorischen Gottesdienst Gott zu seinem Augenlicht, seinem Hörvermögen und seinem Handlungsvermögen wird, und durch obligatorische Gottesdienste er so weit kommen kann, dass er die Möglichkeit hat, als Macht Gott zu erscheinen... Mit anderen Worten ist also der Mensch potentiell die höchste Erscheinungsstufe göttlicher Schönheit und Pracht, d.h. die Wahrheit der Schöpfung, die absolute Vollkommenheit, und der vollkommene Absolute erscheint in Seiner Unendlichkeit in ihm, im Menschen, der Stellvertreter Gottes auf Erden ist.

DER VOLLKOMMENE MENSCH
ist ein segensreiches Wesen, das alle Fähigkeiten und Potentiale, die Gott einem Menschen anvertraut, aktuell besitzt (bei unvollkommenen Menschen sind diese in potentieller Form vorhanden). Er hat alle Möglichkeiten und Potentialitäten und Aktivitäten für seine Vollkommenheit ausgeschöpft. Daher ist er aktuell und faktisch wirklich die vollkommenste Erscheinungsstatt und Anwesenheitsstätte Gottes mit all Seiner Herrlichkeit und Schönheit und er ist zur selben Identität geworden wie die der absoluten Wahrheit, die wir „Gott“ nennen. Gottes Macht wurde zu seiner Macht, und seine zu Gottes Macht, denn er hat seinen Willen versunken in Gottes Willen; so wie das Wesen eines Tropfens im Meereswesen zum Meer wird, so wurde auch sein Wille zu Gottes Wille durch sein vollkommenes Entwerden und die Annahme der vollkommenen Ewigkeit Gottes.

DER VOLLKOMMENE MENSCH
ist das wahre Ziel der Schöpfung und höchste Vollkommenheit der Welt. Daher kann die Welt ihn keinen Augenblick entbehren, denn sonst würde sie das Ziel verfehlen - die Welt wäre zwecklos und mangelhaft. Die Schöpfung wäre durch Zwecklosigkeit absurd und vergebens, und dies stünde in Widerspruch zu Gottes Weisheit. Das höchste Ziel der Menschen, die unvollkommen sind, ist aber, - sowie es das Ziel aller Dinge der Schöpfung ist -, dass der Mensch, dieses Meisterwerk der Gotteskunst, die Vollkommenheit erlangt und das höchstmögliche Ziel erreicht und sich der zugesprochenen Aktualität der Vollkommenheit annähert, d.h. so weit wie möglich die Eigenschaften des vollkommenen Menschen annimmt.

DER VOLLKOMMENE MENSCH
ist die vollkommenste Erscheinung des erhabenen Namen Gottes „Waliy“ . Gott hat über alle Geschöpfe die absolute Führerschaft. ‚Waliy’ ist einer der Namen Gottes, und der vollkommene Mensch ist aufgrund seiner vollkommenen Verkörperung der Eigenschaften Gottes auch allgemein gültiger Führer als Verkörperung der absoluten Führerschaft Gottes. Daher kann er in die Schöpfung eingreifen, im Namen Gottes alle himmlischen und irdischen Mächte und Kräfte unter seinen Befehl bringen und folglich jede Unmöglichkeit möglich machen. Der vollkommene Mensch in der Zeit Jesu war Jesus Christus, der im Namen Gottes und mit Seiner Erlaubnis die allgemeine Führerschaft und Besitztum Gottes über die Schöpfung innehatte. Aus diesem Grunde konnte er auch aus leblosem Lehm einen Vogel formen und ihm Geistesleben einhauchen und die Blindgeborenen sehend machen. Der Mensch kann zwar in seinem Geiste ebenfalls Schöpfungsakte vollbringen, der vollkommene Mensch aber hat die Möglichkeit, diese geistige Tat in der realen Welt zu verwirklichen, denn er ist ja aktuell vollkommen.

DER VOLLKOMMENE MENSCH
ist Stellvertreter Gottes: wir lesen im Qur’an: „[...] Wahrlich, Ich setze fortwährend auf der Erde einen Stellvertreter ein [...]“ (In der deutschen Version wird üblicherweise übersetzt: „Ich setze ein ...“, das arabische „dscha’el“ weist jedoch auf Kontinuität hin). Demgemäss wird es in jeder Epoche einen vollkommenen Menschen als den wahren Stellvertreter Gottes in der Welt geben. Gott allein hat das Recht, einen Stellvertreter zu nominieren; diese Stellvertretung wird nie unterbrochen werden, sie mündet in die Ewigkeit.

DER VOLLKOMMENE MENSCH
Wenn es sich um einen Propheten handelt, dann ist seine Stufe von Welayat würdevoller als seine Stufe als Prophet. Das bedeutet, dass der Prophet als Träger des Welayat wichtiger ist als sein Prophetentum, denn Welayat ist ein rein göttlicher Aspekt und Prophetentum ein reiner Schöpfungsaspekt. Der Prophet ist in der Stufe von Welayat entworden versunken „in“ Gott, und in seinem Wesen als Prophet verkündet er die Vorschriften Gottes den Menschen. Welayat hat einen ewigen Aspekt, denn ‚Waliy’ ist einer der schönen Namen Gottes, während das Nomen ‚Prophet’ (Nabi) keinen ewigen Charakter besitzt. Es ist zeitlich und oft örtlich begrenzt; ‚Nabi’ (Prophet) ist auch kein Name Gottes. Wir lesen im Qur’an: „Was bei euch ist, ist vergänglich, und was bei Allah ist, bleibt. [...]“ Das bedeutet aber nicht, dass ‚Waliy’ unabdingbar wertvoller als ‚Nabi’ sein muss, obwohl wir in einer prophetischen Überlieferung lesen: „Gott hat Diener, die keine Propheten sind (Nabi), und doch würden die Propheten so gerne deren Stufe erreichen.“ Auch Moses, Gottes Friede sei mit ihm, begab sich unter die geistige Führung eines rechtschaffenen Diener Gottes.

DER VOLLKOMMENE MENSCH
in der Verkörperung Imam Alis a.s. genoss so eine erhabene Stellung, sodass der Prophet zu ihm sagte: „Das, was ich höre, hörst auch du, das was ich sehe, siehst auch du, nur bist du kein Prophet“. Der vollkommene Mensch Imam Ali a.s. war also wohl kein Prophet, er konnte aber sehen und hören im Licht von Welayat, was der Prophet Gottes hörte und sah.

DER VOLLKOMMENE MENSCH
als höchste und vollkommenste Stufe der Erscheinung Gottes ist Verkörperung des Welayat Gottes und hat Welayat über die Menschen, d.h. er ist verantwortlich für Verwaltung ihrer Angelegenheiten, er hält sie von manchen Dingen ab und er hält zu manchen Dingen an, so dass sie ihre verheißene Glückseligkeit und Vollkommenheit erreichen. Ja, der eigentlich Waliy und Herr ist nur Gott. Da Er aber reine Abstraktion ist, ernennt Er Seine wahren Stellvertreter zur Erziehung Seiner Diener. Er sagt selbst: „Wahrlich, eure Waliy sind nur Gott, Sein Gesandter und die Gläubigen, die Almosen entrichten, während sie sich während des Gebetes niederbeugen. Und wer Allah und Seinen Gesandten und die Gläubigen zu Beschützern nimmt, der soll wissen, dass Allah’s Schar es ist, die siegreich sein wird.“

DER VOLLKOMMENE MENSCH,
wie Imam Ali a.s. ihn beschreibt, ist der immerwährende Stellvertreter Gottes auf Erden, der die Menschen zu Seiner Religion aufruft. Wie bereits erwähnt, sagt Gott: „Ich setze fortwährend einen Stellvertreter ein ...“ (fortwährend einsetzen ist eine immerwährende Angelegenheit und keiner zeitlichen oder örtlichen Begrenzung unterworfen). Daher kann es sich nicht um ein einziges Individuum handeln, denn dieses Individuum müsste dann ewig sein. Folglich hat jede Epoche einen eigenen vollkommenen Menschen.

DER VOLLKOMMENE MENSCH
muss als Stellvertreter alle Eigenschaften und Attribute seines Herrn, von dem er als Stellvertreter eingesetzt ist, besitzen. Gott hat ja auch alle Wahrheiten und Kenntnisse der Schöpfung Adam beigebracht (= alle Namen). Weil es allein Gott obliegt, alle Wahrheiten und Kenntnisse und alles Wissen der Schöpfung Seinem Stellvertreter beizubringen, wird Er nur jenen Menschen als Stellvertreter einsetzen, in dessen Herzen genannte Kenntnisse und Geheimnisse der Schöpfung in vollkommenster Art und Weise verwirklicht sind. So ist es dem nicht-vollkommenen Menschen (dem nicht-unfehlbaren Menschen) nicht zuzugestehen, den Stellvertreter Gottes zu wählen oder einzusetzen, da er aufgrund seiner mangelnden Kenntnis und seines unzulänglichen Wissens dazu gar nicht imstande ist; abgesehen davon verhindert seine Sündhaftigkeit die Realisierung des Wissens der Namen in seinem Herzen, was ihn ja auch davon abhält, den wahren Stellvertreter zu erkennen, und ihn auch nicht berechtigt, ihn zu bestimmen geschweige denn einzusetzen.

DER VOLLKOMMENE MENSCH
ist vollkommenste Erscheinungsstatt und die Quintessenz aller guten Namen und schönen Eigenschaften Gottes, und er ist die vollendetste Anwesenheitsstätte eines Namens, der die Bedeutung und den Sinn aller anderen Namen Gottes beinhaltet. Dieser erhabene Name ist der Name „Allah“, und so ist der vollkommene Mensch der verkörperte Vertreter dieses erhabenen Namens, der alle anderen schönen Namen Gottes beinhaltet. Wir meinen mit „Namen“ im gnostischen Sinn das Wesen Gottes mit einer bestimmten Eigenschaft, z.B. der Name „der Allwissende“ ist das Wesen Gottes mit dem Attribut Allwissenheit; der Name „der Allerbarmer“ ist das Wesen Gottes mit der Eigenschaft des Allerbarmens. Also sind die guten Namen Gottes objektive Wirklichkeiten, d.h. sie sind Erscheinung der Stufe der Einzigkeit.

Der Mensch wird, je nach dem Grad der Aneignung der Gottesattribute, je nach der Extensität und Intensität seiner Existenzkapazität, Erscheinungsstatt und Offenbarungsort einer oder mehrerer Namen Gottes, z.B. nimmt der Mensch je nach seiner Existenz und seiner Fähigkeiten die Eigenschaft Gottes „Wissen“ oder „Barmherzigkeit“ an. Und so wird er eben Offenbarungsort der Namen „allwissend“ oder „allerbarmend“, und je mehr er sich darum bemüht, desto mehr wird die Majestät jener schönen Namen in ihm verwirklicht, und der betreffende Mensch nähert sich durch diese Namen der Vollkommenheit.
‚Allah’ beinhaltet alle guten Namen und schönen Eigenschaften Gottes und

DER VOLLKOMMENE MENSCH
ist höchster Erscheinungsort und erhabenste Offenbarungsstätte und der vollkommenste Vertreter dieses Namens, d.h. des Namens, der alle Namen und Eigenschaften Gottes umfasst. Daher ist der vollkommene Mensch als wahrhafter Stellvertreter Gottes höchste Erscheinungsstufe aller guten Namen und aller guten Eigenschaften Gottes. Mit dem Vers „Und Er brachte Adam alle Namen bei [...]“ meint der Qur’an nicht herkömmliche Namen der Dinge und Wörter, die etwas aussagen, denn wie könnten diese Möglichkeiten den Menschen den Vorrang vor den Engeln bewirken? Ein Wörterbuch oder ein Lexikon oder gar ein Computer besitzt weitaus die bessere Fähigkeit, mehr Namen zu speichern oder zu beinhalten. Folglich bedeutet dieser Vers daher, dass der Mensch von seinem Herrn eine Fähigkeit und Eigenschaft potentiell erhält, womit er imstande ist, sich alle Geheimnisse der Wahrheit der Schöpfung anzueignen.

„Was nützt das Zeichen Siegelringes,
wenn dieser nicht am Finger Salomons steckt?“ (Hafez)

DER VOLLKOMMENE MENSCH
ist in seiner Vollkommenheit der Einzige, denn der Herr ist in Seinem Wesen einzig, auch in Seinen Eigenschaften und Seiner Vollkommenheit einzig, daher ist Sein in jeder Epoche einziger wahrer Stellvertreter in allen seinen Eigenschaften ebenso einzig und ohne Beispiel, denn er ist ja Offenbarungsstätte der Vollkommenheit Gottes in Seiner Schönheit und Pracht. So sind auch sein Wissen und sein Handeln als Stellvertreter Gottes auf der höchsten Stufe der Vollkommenheit.

DER VOLLKOMMENE MENSCH
ist also die vollkommene Erscheinungsstatt aller guten Namen Gottes, und die Namen Gottes haben unterschiedliche Kompetenzbereiche, z.B. der Name al-Basir (= der Sehende), bezieht sich auf höchstes Sichtvermögen, oder al-Muhyii (= der Lebensspendende) bezieht sich auf Leben spenden, oder ash-Shafiq (= der Barmherzige und Nachsichtige), bezieht sich auf barmherzig sein, es sind also begrenzte Kompetenzbereiche. Aber der erhabene Name ‚Allah’ ist die höchste Stufe aller Namen und Achse und Zentrum und beinhaltet alle Zuständigkeitsbereiche aller Seiner guten Namen und Eigenschaften. So ist der vollkommene Mensch aufgrund der Offenbarung des höchsten Namen Gottes ebenfalls die Achse und das Zentrum des Daseins, d.h. die ganze Existenz dreht sich um ihn. Er ist die Kaaba des Daseins. Der vollkommene Mensch ist der allerhöchste Name (ism a’azam); der vollkommene Mensch ist aktueller Erscheinungsort aller Namen Gottes. Der nicht-vollkommene Mensch kann je nach seiner Fähigkeit und Kompetenz seine Potentialitäten als Offenbarungsstatt Gottes in Aktualität umsetzen und in diesem Ausmaß Erscheinungsstatt der Namen Gottes werden.

DER VOLLKOMMENE MENSCH
ist das Mittel der Emanation Gottes zur Existenz, ist Vervollkommner der fähigen Geister und vollendet das theoretische und praktische Wissen der Geschöpfe. Der vollkommene Mensch, also die Propheten in ihren Epochen und die wahrhaftigen Imame in jeder Zeit sind nicht nur dafür zuständig, die Menschen zu leiten und ihre Fragen zu beantworten, sondern alle Geschöpfe und ihre „Vollkommenheit“ sind ihm unterworfen. Seine Gunst und sein Wohlwollen umfasst in der Zeit seiner Verborgenheit das Dasein wie die Strahlen der Sonne hinter den Wolken. Wichtig ist zu wissen, dass der Stellvertreter Gottes, also der Imam der Zeit, vor den Augen der Nicht-Wissenden und Nachlässigen und Unbedachten verborgen ist. Er ist wohl anwesend, wir sind aber von einem Vorhang umhüllt und hinter unserem Schleier nicht imstande, ihn zu sehen. So wie einige Menschen jedes grüne Blatt der Bäume als Lexikon der Weisheit Gottes als die wahre Existenz begreifen, so bleiben hingegen doch die meisten sogar von den größten Galaxien unberührt.
„Deinem Auge fehlt der scharfe Blick, sodass du außerstande bist,
in jedem Dornenstrauch die Geschichten über jene wunderschöne Blume zu erblicken.“

DER VOLLKOMMENE MENSCH
ist entsprechend der Kontinuität der Emanation Gottes (in allen Epochen) anwesend und lebendig. Wenn Mumifizierung einen Körper Jahrtausende vor Fäulnis und Verderbnis hütet und die mumifizierten Weizenkörner aus den ägyptischen Pyramiden beim Anbau wieder anwachsen, so ist es nicht verwunderlich, dass der höchste Name Gottes, der von dem vollkommenen Menschen unserer Zeit vertreten wird, eine weitaus umfassendere und intensivere Wirkung hat als eine einfache Mumie, so z.B. immerwährende Anwesenheit des Imam der Zeit auch in seiner physischen Eigenschaft. Denn warum sollte das physische Dasein des Imam der Zeit mit Wohlwollen Gottes nicht fortbestehen und die Ewigkeit des Geistes erlangen, wenn die Asketen mit einer einzigen Dattel Wunder wirken und z.B. wochenlang begraben am Leben bleiben?

DER VOLLKOMMENE MENSCH,
der erhabene Prophet, sagte: „Ich habe Zeiten mit meinem Herrn, in denen kein nahestehender Engel und kein Gesandter Gottes Zutritt hat.“ Der vollkommene Mensch, der wahrhaftige Imam aus dem Hause des Propheten, Imam Sadegh a.s., sagt: „Wir haben Zustände und Zeiten mit unserem Gott, in denen Er wir ist, und wir sind Er und trotzdem - Er bleibt Er, und wir bleiben wir.“ Jener vollkommene Mensch sagt auch: „Wahrlich, die Bindung des Geistes des Gläubigen an den Geist Gottes ist intensiver als die Bindung der Sonnenstrahlen an die Sonne.“

DER VOLLKOMMENE MENSCH
ist jenes klare Buch, das Gott im Qur’an verkündet . Der vollkommene Mensch, der Prophet Gottes sagte: „Dieses deutliche Buch ist niemand anderer als Ali. In ihm hat der erhabene Gott das Wissen aller Dinge aufgezählt.“

DER VOLLKOMMENE MENSCH
hat eine Wesensverbundenheit mit der göttlichen Vernunft oder Urvernunft (die Urvernunft ist der Ursprung alles Seienden, die die Wahrheit aller Geschöpfe von der Anfanglosigkeit „bis zur“ Unendlichkeit beinhaltet). Daher wird die Wahrheit der Schöpfung, die Inhalt der Urvernunft oder des Ursprung ist, zu den Gliedern seines Körpers und dieser ihm untergeordnet. So kann der vollkommene Mensch in der Schöpfung eingreifen:
daher umfasst

DER VOLLKOMMENE MENSCH
alle Wahrheiten der Schöpfung, und so ist die Schöpfung von allen Geschöpfen, ob sichtbar oder unsichtbar, seinetwegen, denn er ist als allumfassende Wahrheit der Zielpunkt der Schöpfung. Die Vollkommenheit der Schöpfung dieser Welt ist, den Menschen zu dienen und zu seinen materiellen und „ideellen“ Partikeln zu werden, damit der unvollkommene Mensch seiner Vollkommenheit nahe kommt, d.h. sich dem vollkommenen Menschen weitestgehend annähert. Das Ziel und die Vollendung des Erschaffens ist der vollkommene Mensch und die Vollendung und das Ziel des Erschaffens der Menschen im Allgemeinen ist ihre Vervollkommnung. Der Mensch lebt also, um vollkommen zu werden.

DER VOLLKOMMENE MENSCH
und seine Zuwendung und Güte zur Schöpfung (als Prozess der Vollendung der Vollkommenheit) ist das höchste Ziel der Emanation und Güte Gottes. Es ist unmöglich, dass die Güte und Emanation Gottes eine Unterbrechung und Insuffizienz erfährt. Die wesentlichen Stufen der Welt sind unabänderbares Gesetz und Tradition Gottes: die Pflanze in ihrer existenziellen Stärke und Wirksamkeit überragt den Stein, das Tier überragt die Pflanze, und der Mensch überragt das Tier. Unter den Menschen ist jener, in dem theoretische und praktische Macht vollendet ist, bevorzugt. Gäbe es so einen Menschen in der Welt eine Zeit lang nicht, so wäre die Welt wie ein fruchtloser Baum ohne ihre vorgeschriebene, ihr zugedachte Vollkommenheit. Und Gott ist gütiger, als dass Er die Welt und die Geschöpfe ihrer Vollkommenheit entbehren ließe.

DER VOLLKOMMENE MENSCH
braucht durch die Hilfe des heiligen Geistes keinen subjektiven, logischen Aufbau, um ein subjektives Ziel zu erreichen, d.h. er benötigt, um z.B. einen Begriff zu verstehen, nicht die logischen Stufen der Überlegung, sondern aufgrund seiner vollkommenen Verbindung mit der ganzen Wahrheit des Daseins wird das Unbewusste zu seinem Bewussten aufgrund seines bloßen Willens.

DER VOLLKOMMENE MENSCH
kann aufgrund der göttlichen Überlieferung: „Mein Diener gelangt durch vollkommene Erfüllung seiner von Mir auferlegten Pflichten derart in Meine Nähe, dass Ich zu seiner geistigen und materiellen Macht werde“ in die Schöpfung eingreifen; der Wille des vollkommenen Menschen und seine Tat sind eins, d.h. zwischen seinem Willen und der Verwirklichung seines Willens und des Geschehens besteht kein zeitlicher Abstand. Er ist nämlich als Vertreter und verkörperte Erscheinung aller schönen Namen Gottes auch Erscheinungsstatt des Namens „Verwirklicher Seines Willens“, d.h. jedes Ding, das er zu vollenden beabsichtigt, geschieht unmittelbar, und er braucht zu dieser Eigenschaft „Welayat taqwini“ keine Mittel und Prämissen; so benötigt er keinen Lehrer um sich Wissen anzueignen, denn er ist ja in Verbindung mit der Urquelle aller Wahrheiten und allen Wissens (wie ein Tropfen, der beim Eintritt in das Meer die Identität des Meeres annimmt, oder eine Pfütze, die Anschluss ans Meer findet; sodann sind diese keine Pfütze oder Tropfen mehr, sondern das Meer selbst).

„Mein Geliebter, der keine Schule besuchte, und keine Zeile schrieb,
wurde mit seiner zauberhaften Anmut zum Lehrer hunderter Lehrer.“
(Hafez)

Also ist der vollkommene Mensch beseelt und angezogen von der Güte Gottes, und dadurch besitzt er unmittelbares Wissen durch Erleuchtung und benötigt kein erworbenes Wissen. Um etwas zu kennen oder zu wissen braucht er keine üblichen Mittel, sondern sein Wille etwas zu wissen oder zu kennen wird durch die vollkommene Verbindung mit der Wahrheit des Wissens und des Willens unmittelbar verwirklicht.

DER VOLLKOMMENE MENSCH
benötigt durch die unmittelbare Hilfe und Stütze des heiligen Geistes keinen üblichen Unterrichtsprozess. Wir lesen im Qur’an: „Gelehrt hat ihn einer, der über starke Macht verfügt.“ und „Er hat ihm das deutliche Reden beigebracht.“

DER VOLLKOMMENE MENSCH
ist unfehlbar und frei von jeglichem Vergehen, Irrtum, Sünde und Vergesslichkeit, durch die Kraft und Unterstützung des heiligen Geistes. Im Wesen des heiligen Geistes gibt es nichts Unnützes und keine Spielereien, keine Vergesslichkeit oder Unaufmerksamkeit usw. Der vollkommene Mensch ist Inhaber der Wahrheit aller schönen Namen Gottes; in ihm erscheinen alle schönen Namen und Eigenschaften Gottes in höchster Vollkommenheit; daher ist er imstande, mit Billigung Gottes und eben weil sein Wille sich im Strom des Willen Gottes befindet, weil sein Wille im Willen Gottes entworden ist, weil sein Wille Eigentum Gottes geworden ist, in die Schöpfung einzugreifen und die ganze Schöpfung seinem Willen zu unterwerfen, so einfach, wie der Mensch imstande ist, seine Körperglieder willkürlich zu bewegen.

DER VOLLKOMMENE MENSCH
ist ein Gefäß der Wahrheit des Qur’an. Weil der Qur’an das Buch des Schöpfens und Schaffens Gottes ist, so ist der vollkommene Mensch das Gefäß der Wahrheiten der schönen Namen Gottes, der die Wahrheit des Schöpfens und des Schaffens in sich trägt.

DER VOLLKOMMENE MENSCH
ist in Wissen, Denken und Handeln ohne Zweifel Stellvertreter Gottes; es ist auch logisch, denn aus der Entwicklung eines „belanglosen“ Gameten entstehen Kapazitäten und begnadete Genies wie ein Abu Yusuf Yaqoub Isak Kendi, Verfasser von 240 Büchern und Abhandlungen, oder ein Avicenna, dessen Gedankenfeinheiten für die zeitgenössischen Wissenschafter noch immer nicht klar sind, oder ein Khadje Nassiruddin Tusi, Verfasser von 113 Büchern und Abhandlungen, oder ein Allame Hilli mit mehr als 500 Schriften und ein Muhiyyeddin Ibn al-Arabi mit mehr als 800 Büchern und Abhandlungen und ein Ibn Babweih mit mehr als 245 Büchern.

DER VOLLKOMMENE MENSCH
besitzt ein unendliches Wissen, denn sein von Gott gesegneter Geist besitzt aktuell alle Wahrheiten der Schöpfung. Allah sagt: „Weder Erde noch Himmel sind imstande, Mich zu beinhalten, aber das Herz Meines gläubigen, ehrfürchtigen, reinen Dieners beherbergt Mich.“ Und das Herz des vollkommenen Menschen ist das weiteste. Der Prophet des Islam, der Prophet der Barmherzigkeit und Gnade, sagt: „Jeder gottesfürchtige, reine, lautere Mensch gehört zu meiner Nachkommenschaft.“ Welch wunderbare Hoffnung für jeden andächtigen Anhänger des Welayat!

DER VOLLKOMMENE MENSCH
ist das Tor zum Paradies. Denn der Prophet der Güte sagte: „Ich bin die Stadt des Wissens, und das ist das Paradies, und du, Ali, bist sein Tor. Wie kann einer ins Paradies eintreten, außer durch sein Tor?“ (Imam Ali a.s. als unmittelbarer Nachfolger des Propheten nach schiitischer Darstellung war der vollkommene Mensch seiner Zeit, dessen Werke und Wirken in die Ewigkeit strömen.)


Der Geist kann im Rahmen seiner Möglichkeiten und Potentiale die ganze Natur und ihre Kräfte unterwerfen. Und so wie das spirituell Abstrakte, d.h. nicht-materielle Ordnung dem Geist eigen ist, so kann die abstrakte und intellektmäßige Ordnung des vollkommenen Menschen seinen Körper, d.h. seine irdische Stufe, d.h. die niedere Stufe seines Wesens, beherrschen und unterwerfen und das Gefäß seines materiellen Daseins zur Sammelstelle des Abstrakten und der geistigen Werte und Belange machen. Somit wird auch sein materieller Körper geistig, und da die Erfordernisse der Geistigkeit der Fortbestand des Geistes ist, so wird der Körper eines solchen Geistes wegen der Gültigkeit der abstrakten und geistigen Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien in die Ewigkeit münden. Und so strömt auch das irdische Wirken und Werken des vollkommenen Menschen der Zeit bis zur Ewigkeit.

... UND DAS IST DER VOLLKOMMENE MENSCH.


12. Oktober 2003
Mitte Sha’ban 1424

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