Rumi: Wissen ohne Weisheit ein Laster

„Man erzählt, ein König hätte seinen Sohn einer Gruppe von Gelehrten anvertraut, um ihn in verschiedenen Wissensgebieten wie Astrologie und Wahrsagerei auszubilden. So wurde er schließlich trotz seines Stumpfsinnes zum Meister dieser Fächer. Eines Tages nahm der König einen goldenen Ring in seine Faust und fragte seinen Sohn prüfend: ‚Sag, was halte ich in meiner Faust versteckt?’ Er sagte: ‚Was du in der Faust hast ist rund, gelb und hohl.’ Der König sagte: ‚Nach diesen Merkmalen, die du richtig erwähnt hast, so urteile – was kann das für ein Ding sein?’ Der stupide „Meister“ antwortete: ‚Es muss ein gelber Mühlstein sein.’ Verwundert sagte der König zu seinem Sohn: ‚Du hast mir alle genauen Merkmale des gefragten Gegenstandes wiedergegeben, das es einen in Erstaunen und in Verwirrung versetzt. Wie kommt es aber, dass es dir nicht einleuchtet, dass ein Mühlstein nicht in eine Faust passen kann?’
Und so beschäftigen sich die „großen Gelehrten“ unserer Zeit eingehend und pedantisch mit allen Wissenszweigen. Sie bemächtigen sich der Kenntnisse aller Dinge, auch jener, die sie nichts angehen. Sie vertiefen sich äußerst gründlich darin, aber das, was besonders wichtig ist, entgeht ihrer Einsicht, d.h. das Tatsächliche, das was ihnen am nächsten liegt, nämlich ihr eigenes Selbst. Sie übergehen ihr eigenes Selbst und dabei beurteilen sie alles Mögliche im Detail: ob dieses verboten oder erlaubt, religiös illegal oder legal ist. Und sie urteilen: dieses ist erlaubt und legal, jenes ist verboten und illegal; dies ist gesetzlich rein und jenes ist religiös unrein. Und dabei kennen sie sich selbst nicht, und es entgeht ihrem Wissen und ihrer Kenntnis, ob sie selber legal oder illegal, erlaubt oder unerlaubt, rein oder unrein sind.“

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Einem Mann ging sein Esel verloren. Er fastete drei Tage, damit er als Lohn dafür seinen Esel wieder findet. Nach drei Tagen fand er seinen Esel, aber tot. Gekränkt wandte er sich zum Himmel und sagte: „Ich soll nicht ‚Soundso’ heißen, wenn ich statt dieser drei vergeblichen Fastentage von den dreißig Tagen Deines Monats Ramadhan nicht mindestens sechs Tage ungefastet verbringen würde. Von mir profitierst nix!

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„Die mit wundervollem Blumentau getränkten Wolken seien dem Landwirt eigen,
Die weite Ebene, auf der wunderschöne rote Tulpen sprießen, dem Madjnun.

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Der Baum des Segens und die schwarzäugigen Paradiesjungfrauen seien dem strenggläubigen Asketen eigen -
Mir genügt ein Herz, von dem das Wehklagen blüht.“

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„Oh du mein Angebeteter!
Wenn ich auf die weiten Ebenen blicke, sehe ich Dich, mein Angebeteter,
der Du in der Gestalt der Ebene erscheinst.
Wenn ich das Meer erblicke, sehe ich Dich, mein Angebeteter,
der Du als Meer erscheinst.
Wo ich auch hinblicke - auf Berge oder weite Ebenen –
ich sehe Dein wunderschönes Antlitz und Deine Wohlgestalt, oh Du mein Angebeteter.“

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„Oh mein Angebeteter, dessen tiefste, liebevolle Verbundenheit die höchste Stufe meines Enthusiasmus ist.
Vor meinem Selbst und vor allen anderen fliehe ich zu Dir.
Deiner Existenz habe ich die Erscheinung meines Wesens zu verdanken.
Würde man mein ganzes Ich zerlegen,
So fände man in meinem Körper nichts außer Dir.“

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„Oh Du Erhabener, nichtig ist die ganze Welt,
Und die ständige Gebetsformel auf meiner Zunge ist: ‚Oh du, mein Beschützer!’

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Wenn Du mein Beschützer bist und ich Dein Schutzsuchender bei Dir,
So werden die mächtigen Raubtiere wie Tiger und Löwe mit ihren Pranken und Krallen
zur kleinsten Jagdbeute des Rehs in den weiten Ebenen meines Herzens.“

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„Das Erblassen des Gesichtes und das Rasen des Herzen
Verraten den armen Verliebten, wo er sich auch befinden mag.“

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„Im Bekenntnis der Verliebten gelten gänzlich andere Regeln:
Dieser reine Wein führt zu einem sonderbaren Rausch -
Alles Wissen, das ich in der Schule mir aneignete
Ist eine Sache, die Liebe jedoch eine völlig andere.“

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