Die geistige Leiter

„Erkennt das Dasein als eine ununterbrochene Bewegung zum erhabenen Gott!“ (Rumi)

Die Vervollständigung der ganzen Schöpfung von der niedersten Stufe zur höchsten Stufe der Erscheinung und den Weg der Vollkommenheit des Individuums kann man in diesem Lichte betrachten.
Moulawi bezeichnet diese Bewegung als eine gedankliche Reise, ebenso andere Gnostiker. So bezeichnet auch Sana’i, der große islamische Gnostiker, diesen Weg als eine Leiter, die den Verliebten guten Endes zum ‚Flachdach’ führt, wo seine Geliebte sehnsüchtig auf ihn wartet. Gott, der Erhabene, hat in diese Welt verschiedene Leitern gestellt, entsprechend den unterschiedlichen Kapazitäten der Menschen, sodass sie den Weg der Erhabenheit zurücklegen. Man kann die irdischen Belange ebenfalls als eine Leiter gebrauchen, allerdings: die weltlichen Belange isoliert betrachtet haben ihre Grenze eben in dieser Welt. Die glaubensmäßigen Belange jedoch erhöhen den Menschen zur Himmelfahrt ... so dass die Pforten der Gnaden und Güte Gottes ihm eröffnet werden, und in der Liebe benötigt man keine Leiter mehr.
Moulawi sieht diese Leiter und deren Stufen allgegenwärtig. Alle Äste und Knospen, die im Frühling aus der Tiefe der Erde hinausragen, sind die Leiter der zum Himmel Strebenden, d.h. die, die in den Horizonten der Welt umherwandern, das sind jene, für die man diese Leiter in den Garten gestellt hat, als ob die Blätter und Blüten wie Geister die finstere Erde, d.h. den Körper, verließen, und die den Himmel erreichten ... Der Mensch, der alle Pforten der Bequemlichkeit vor sich verschlossen sieht, muss selbst in eine Leiter umgewandelt werden. So kann er seine sehnsüchtig wartende Geliebte auf dem ‚Flachdach’ antreffen, seine Geliebte, deren Antlitz glänzt wie der Mond. Die erste Sprosse dieser Leiter, die die Menschen zu Gott lenkt, ist das Fundament und die Basis der Sache. „Der Beginn des Minaretts ist nichts außer ein Ziegelstein.“ Und wenn der Mensch auch nur einen einzigen Ziegelstein bei der Grundsteinlegung vernachlässigt, so kann nicht erwarten werden, dass das Gebäude aufrecht stehenbleibt. Wie der Qur’an lehrt und wie die Überlieferungen eingehend beschreiben, ist der erste Schritt absolute Erfüllung der religiösen Pflichten. Fasten, Beten, Almosen, Pilgerfahrt usw. sind Pflichtübungen, weil sie den wahren Glauben beschreiben.

Faiz Kashani:
„Wie wunderbar das Herz, das Dir Herberge ist.
Wie erhaben das Haupt, das Dir zu Füßen liegt.

Das Königreich beider Welten ist nicht so wert
Wie jenes Herz, das keine Beschäftigung hat außer mit Dir.

Das ganze Dasein meines Herzens ist verliebt in jenen,
Der verliebt ist in Dein ganzes Wesen.

Den Staub des Herzens schwemme ich fort mit meinen Tränen;
So reinige ich das Herz, sodass es Deiner würdig sei.

Wie wundervoll ist jenes in Dich verliebte, verwirrte Herz,
Das bei Deiner Schau den Verstand verlor.

Bei wem kann mein Herz die Ruhe finden
Außer bei einem Berauschten, der sich in Dir verlor?

Kein Wohlbefinden gibt es auf der Erde
Außer auf des Gipfels Spitze, der Heimat Deiner Adler.

Das Herz von Faiz ist dahingeschieden wegen des Fernseins von Dir.
So führe mich zu Dir, wenn dies Dein Wille ist.“

Rabe’a Adawiyyah:
„Das Feuer der Hölle lodert über einen,
der nicht vom Feuer der Liebe verbrannt.
Das Feuer der Hölle verbrennt den Fremden,
das Feuer der Liebe verbrennt den Freund.
Aus jenem Feuer riecht man beißenden Rauch,
und aus diesem Feuer riecht man duftende Räucherstäbchen.“

zurück