Avicenna über die Merkmale eines Theognostikers

Aus dem 9. Abschnitt von Avicenna’s Buch „Gnostische Andeutungen“ über die den Theognostikern eigenen Zustände und Eigenschaften:
„Er hat ein freundliches Gesicht, lächelt stets und hat einen guten Umgang mit den Menschen; er ist zu den Kindern genauso bescheiden und höflich und mild und respektvoll wie zu den Erwachsenen; dem Unbekannten begegnet er offenherzig wie einer berühmten Persönlichkeit. Wie soll er auch nicht freundlich im Verhalten sein, wo er mit Freude Gott entgegensieht und in jedem Ding Gott erblickt? Und wie sollen die Menschen vor ihm nicht den gleichen Wert haben, die vor seinen Augen alle ursprünglich die Gnade Gottes verdienen, obwohl viele sich bedauerlicherweise mit falschen Dingen abgeben?
Der Theognostiker ist nicht neugierig und sucht nicht nach entbehrlichen Informationen. Bei Unannehmlichkeiten zürnt er nicht, im Gegenteil, er bedauert die Frevler und Übeltäter gnadenvoll, denn er sieht mit seinem inneren Auge – und das Auge des Herzens erschaut das Geheimnis Gottes in ihnen. Wenn er zum Guten gebietet, tut er das mit Milde und Sanftmut. Wichtige Dinge erörtert er nicht mit den Unbefugten, jedoch nicht aus Neid, sondern weil diese dazu nicht die Kompetenz haben.
Der Theognostiker ist tapfer. Warum sollte er auch nicht tapfer sein, wo er doch den Tod nicht fürchtet? Er ist großzügig und freigiebig. Und wie sollte er das nicht sein, wo er mit dem Vergänglichen dieser Welt nichts zu schaffen hat? Er vergibt die Sünden; und wie könnte er nicht vergebend sein, ist er doch erhabener, als dass Niedertracht und Gemeinheit der Menschen ihn der inneren Ruhe berauben würden? Er vergisst die Feindseligkeit und die Rachsucht der anderen, und wie sollte er sie nicht vergessen, da er doch stets in Gottesgedenken versunken ist.“


Ghaselen (lyrisches Gedicht) von Djami :

„O Gott, Deine Schönheit hast Du im Antlitz der Schönheiten offenbart.
So hast Du in den Augen der Verliebten Dich selbst geschaut.

Aus Wasser und Lehm hast Du das Abbild Deiner Schönheit geformt,
Schön wie eine brennende Kerze, wohlgestaltet wie die Zypresse und schön wie der Vollmond.

Einen Tropfen aus dem Becher Deiner Liebe hast Du auf die Erde geschüttet
Und so hast Du die omnipotente Vernunft in Wahnsinn und Verwirrtheit getrieben.

Mit dem nach Moschus duftenden schönen schwarzen Haar, das Dein Antlitz umhüllt,
hast Du eine ganze Welt mit den Ketten der leidenschaftlichen Liebe geknebelt.

Obwohl Geliebter, erschienst Du als Verliebter.
Dann erbatst Du dein eigenes Erscheinen vor Dir selbst.

Der prächtige Aufzug Deiner Schönheit ist erhabener, als dass sie im Himmel und auf Erden Platz finden könnte;
Wie wunderlich, dass Du im Herzen Platz nehmen konntest.

Oh Djami, in der Liebe verlierst du deinen Namen und deine Eigenschaften, deinen Ruf und dein Merkmal.
Wie löblich und wundervoll ist diese Eigenschaft, die du dir aneignest!“

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