Die finsteren und die lichten Hüllen oder Schleier

Die Wahrheit des Menschen wird beim Herabsinken von ihrer ursprünglichen Stufe zu den vergänglichen (weltlichen) Stufen - während des Prozesses der Zurücklegung der verschiedenen Stationen – von Lichthüllen oder Lichtschleier bedeckt, und auf der Stufe der materiellen Welt, der Stufe der Vergänglichkeit, wenn die Wahrheit des Menschen in ihrem materiellen Dasein erscheint, erwirbt sie finstere Hüllen.
Die erste finstere Hülle oder der erste finstere Schleier ist eine Hülle, die dadurch entsteht, dass der menschliche Geist - also der Geist, der von Gottes Geist ist - sich im materiellen, irdischen Dasein manifestiert, und zwar deswegen, weil eben dieser absolut reine und abstrakte Geist sich mit dem irdischen Dasein zu beschäftigen hat, mit all seinen vielfältigen Komponenten, die dem irdischen Dasein eigen sind. Das führt zur ersten, unabdingbaren, finsteren Hülle. Diese ist für jeden Menschen unvermeidbar, da sein Geist die Eigenschaften seiner Abstraktion gewissermaßen einbüßt, weil er sich nunmehr mit dem körperlichen, irdischen Dasein beschäftigen muss. Nun, während des Lebens erwirbt die Wahrheit des Menschen aber viele weitere, verschiedene, vielfältige finstere Hüllen und Schleier durch eigenes Verschulden des Menschen: diese Hüllen erwirbt er sich selbst durch schlechte Eigenschaften, durch schlechte Taten, durch Lasterhaftigkeiten, Unaufrichtigkeiten, falschen Ideen, also alle schlechten Eigenschaften, die ein Mensch haben kann wie Selbstsucht, Selbstherrlichkeit, Böswilligkeit, Lüge, hartes Verhalten ... das alles erzeugt finstere Hüllen, die der Mensch selbst anhäuft. Es führt dazu, dass diese finsteren Hüllen immer dichter werden und vielfältiger („Finsternisse, eine über den anderen“ ), sodass das tatsächliche, ursprüngliche Antlitz der Wahrheit vollkommen in Vergessenheit gerät ... und so versenkt sich der Mensch immer tiefer bis in die tiefsten Stufen seines Daseins, also in „asfal al safelin“ . Natürlich schränken auch die lichten Hüllen die Sicht auf die Schönheit und Vollkommenheit des wahren Gesichtes des Menschen - der Wahrheit des Menschen - ein, aber durchaus nicht so stark; d.h. die Vollkommenheit der Wahrheit des Menschen wird hinter den Lichthüllen nicht allzu sehr verschleiert, während im Gegensatz dazu die finsteren Hüllen je nach ihrer Dichte und Vielfalt von der Wahrheit des Menschen nicht viel mehr übrig lassen als ganz schwache Spuren jener Wahrheit.

Die entstandenen finsteren Hüllen verschleiern weitgehend die Schönheit des Ursprungs des Menschen, während es beim Menschen in seiner ursprünglichen Stufe keine Hülle zwischen ihm und seinem erhabenen Gott gibt - er ist ja in seinem Ursprung, der vollkommenen und umfassenden Erscheinungsstatt der Namen und Eigenschaften und vollkommener Erscheinungsort des Antlitzes Gottes. In seinem Ursprung ist der Mensch oder die Wahrheit des Menschen entworden im Antlitz Gottes und ewig in der Ewigkeit Gottes.
Nun, in seiner Aufstiegsbahn zu Gott zurück, d.h. auf seiner Wanderung zu Gott, ist der Mensch zunächst konfrontiert mit seinen finsteren Hüllen. Erst wenn er diese finsteren Hüllen beseitigt hat, wird er mit seinen lichten Hüllen konfrontiert.


Die finsteren Hüllen in der Sprache des Qur’an

In diesem Abschnitt zitieren wir einige Verse aus dem Qur’an über die finsteren Hüllen und gehen auch kurz auf deren Exegese ein.

2:257: „Allah ist der Beschützer derjenigen, die glauben. Er führt sie aus den Finsternissen ins Licht.“

65:11: „einen Gesandten, der euch die deutlichen Verse Allahs verliest, auf dass Er jene, die glauben und gute Werke tun, aus den Finsternissen ans Licht führe. [...]“

33:43: „Er ist es, der euch segnet, und Seine Engel bitten für euch, dass Er euch aus den Finsternissen zum Licht führe. Und Er ist barmherzig gegen die Gläubigen.“

Das bedeutet, dass die Rettung aus den finsteren Hüllen Zeichen und Auswirkungen des speziellen Segens und der Gnade Gottes sind.

21:87-88: „Und (gedenke) Dhu-n-Nuns, als er im Zorn wegging und meinte, dass Wir keine Macht über ihn hätten. Doch dann rief er in der dichten Finsternis: ‚Es ist kein Gott außer Dir. Gepriesen bist Du! Ich bin wahrlich einer der Ungerechten gewesen.’ Da erhörten Wir ihn und retteten ihn aus seiner Finsternis; und genauso retten Wir die Gläubigen.“

Nun, die Aussage „und genauso retten Wir die Gläubigen“ ist voller Hinweise und Andeutungen für die Scharfsinnigen. Es bedeutet, dass Gott anzuflehen und Ihn zu lobpreisen und das fortwährende Wiederholen dieser Ebadat die Rettung der Gläubigen zur Folge hat. Die Gläubigen müssen also in ihrer Knechtschaft Gott unaufhörlich anbeten und Ihn fortwährend lobpreisen. Sie sollen von ganzem Herzen diesen Ruf aus dem Qur’an wiederholen oder sprechen: „Es gibt keine Gottheit außer Dir! Gepriesen seist Du! Oh Gott, ich war von den Frevlern und Ungerechten.“ Sie sollen Gott anflehen, damit Er, der Erhabene, sie aus den Finsternissen - aus den finsteren Hüllen also - errettet. Je mehr aber der Mensch sich seinem eigenen Körper, seinem materiellen Dasein, seiner Vergänglichkeit widmet, desto größer wird auch seine Abhängigkeit davon, sie nimmt sogar zu. Und so werden auch die Finsternisse und die finsteren Hüllen intensiver und dichter. Jeder nicht gerechte oder wahrhafte Glaube und Gedanke, jede schlechte Eigenschaft, jede schlechte Gemütsart, jeder verwerfliche Begehr, jedes Verwünschen, jede unberechtigte Feindschaft usw. bedeutet eine neue Farbe für das Licht des Menschen, es ist eine weitere Hülle. Jegliche Abhängigkeit des Menschen, jegliche Eigenschaft und Eigenheit seines Wesens versetzt die Seele in einen eigenen, neuen Zustand, in eine neue Form, und zwar im Verhältnis zu diesen Eigenschaften.
Der umgekehrte Fall tritt ein, wenn der Mensch versucht, die Bindungen zu beseitigen, sich von der Abhängigkeit zu lösen und sich die guten, göttlichen Eigenschaften anzueignen; und natürlich muss man sich dessen bewusst sein, dass Geist und Körper - jeder von ihnen - eigenen Gesetzen, Traditionen, Auswirkungen unterworfen ist, und daher werden die unterschiedlichsten Farben und Eigenschaften, die sie sich erwerben, sie in einen besonderen Zustand versetzen, was wiederum zu anderen Auswirkungen führt.
Der „farblose“ Geist bekommt durch jede Farbe eine andere Form und erhält eine neue Bestimmung und dementsprechend legt er sozusagen eine andere Bahn zurück.

Wir lesen in 2:138: „(Dies ist) Identität (Kolorit) von Allah, und wer hat eine schönere Identität als Allah! Und Ihm dienen wir.“
Wir meinen mit ‚Kolorit oder Identität Gottes’ die Eigenschaft und den Charakter jener, in deren Herzen sich außer Liebe Gottes nichts befindet, d.h. sie haben dieses Kolorit von Allah erworben.

In Sure 83 Verse 14-15 heißt es: „Nein, jedoch das, was sie zu tun pflegten, hat auf ihre Herzen Schmutz gelegt. Nein, sie werden an jenem Tage durch einen Schleier von ihrem Herrn getrennt sein.“
Die Farben des Unglaubens und der Zwistigkeit mit Gott, also finstere Hüllen und Farben, die sie sich selbst angeeignet haben, sind eben der Schmutz oder die finsteren Hüllen auf ihren Herzen. Mit anderen Worten: außer der ersten finsteren Hülle, oder den ersten finsteren Schleier - entstanden durch in Beziehungtreten des abstrakten Geistes mit dem materiellen Körper - sind jegliche nicht wahrhafte Idee und Überzeugung, jegliche schlechte Eigenschaft, jegliches harte Verhalten, jegliche schlechte Gewohnheit, jegliche Liebe oder Hass, die sich nicht in Richtung Gottes befinden, alles Eigenschaften, die das wahre Antlitz des Menschen verhüllen.


Die lichten Hüllen aus der Sicht des Qur’an

2:257: „Allah ist der Beschützer derjenigen, die glauben. Er führt sie aus den Finsternissen ins Licht.“
Aus den Finsternissen gerettet zu werden bedeutet Eintreten in das Licht oder in die Welt des Lichtes. In allen Versen, in denen die Frage der Finsternis und der finsteren Hüllen erörtert werden, wird anschließend vom Eintritt in die Welt des Lichtes nach dem Verlassen der Finsternisse gesprochen. Der Mensch erreicht auf der Reise zu Gott hin nach Beiseitigen der finsteren Hüllen die Welten des Lichtes oder die Hüllen des Lichtes. Auch wenn jene finstere Hüllen das Hauptproblem darstellen, wird der Mensch durch deren Beseitigung Zeuge des Antlitzes Gottes werden und so seine Errettung aus Kummer und Schwierigkeiten erfahren. Indessen wirkt die Welt des Lichtes oder die unterschiedlichsten Hüllen des Lichtes, in die der Gläubige nach Beseitigung der finsteren Hüllen eintritt, wie Spiegel, die je nach ihrer Kapazität und Reinheitsgrad das Antlitz Gottes widerspiegeln.
Durch Beseitigung der finsteren Hüllen und mit dem Eintritt in die Welt des Lichtes wird also der Wanderer Zeuge des Antlitzes Gottes in den lichten Hüllen sein, wovon jede in unterschiedlichen Stufen auf die Schönheit und Vollkommenheit des Antlitzes Gottes hinweisen. Diese hellen Schleier sind einerseits Erscheinungsort des Antlitzes Gottes und gleichzeitig Hüllen vor dem hüllenlosen Antlitz Gottes. Der Wanderer wird in der Welt des Lichtes Zeuge der Erscheinungsstätte Gottes hinter den verschiedenen Lichthüllen sein, die je nach ihrer Stufe Hinweise auf die Vollkommenheit und die Schönheit des Antlitzes Gottes gibt.
Ziel des Wanderers ist also hüllenloses Schauen jenes Antlitzes. Nun, dieses Ziel nährt die lodernde Flamme der Sehnsucht im Wesen des Wanderers bis er schließlich auch alle Lichthüllen beseitigt, sodass er das Antlitz Gottes schaut, wie es tatsächlich ist - bis er schließlich mit dem Antlitz Gottes eins wird. Darin liegt die endgültige Ruhe und Zuversicht des Wanderers, das eben ‚Entwerden des Wanderers’ bedeutet und ‚Ewigwerden des Wanderers in der Ewigkeit Gottes’, das er nach seiner Entwerdung erfährt. So erreicht er die Erhabenheit Seines Heiligtums.
Wir lesen im Bittgebet Arafah: „Mein Gott, mein Hin und Her in Deinen Zeichen und Spuren (die Dein Antlitz zeigen), entfernt mich von Dir und hindert mich an der Begegnung Deines Antlitzes. So flehe ich Dich an, mich in einen Dienst zu stellen, der mich zu Dir gelangen lässt.“ D.h. diese Erscheinungsstätte (d.h. die Unstetigkeit bezüglicher Seiner Zeichen) verzögert das vollkommene Schauen.


Die lichten Erscheinungsorte, die lichten Hüllen sind verschiedene Stufen des menschlichen Wesens

Die Welt des Lichtes mit all ihren Erscheinungsstätten, hinter denen der Mensch Zeuge des Antlitzes Gottes wird, sind in Wirklichkeit die verschiedenen Stufen des Wesens des Menschen, oder verschiedene Stufen seiner Wahrheit, die eben als Lichthüllen des Antlitzes Gottes wirken. Imam Sadegh a.s. sagt: „Das Herz des Gläubigen ist Thron Gottes.“ Der Wanderer wird nach Beseitigen der finsteren Hüllen und nach Eintritt in die Welt des Lichtes der ersten Stufe seiner Wahrheit begegnen, (also Erscheinungsstatt Gottes Antlitzes in jener Stufe), und wandert schließlich von dieser niederen Stufe seines Wesens zu dessen höheren Stufen. So gerät sein Wesen in die flammende Sehnsucht nach Entwerdung im Antlitz Gottes. Er wendet sich immer intensiver vom materiellen Dasein ab und wendet sich zu Gott hin, bis er auch alle Lichthüllen seines Wesens beseitigt hat und Zeuge seines ursprünglichen Wesens wird. So erreicht er die majestätische Erhabenheit Gottes und genießt die Hoheit Seines Lichtes. Das ist der Prozess des Entwerdens des Wanderers im Antlitz Gottes. Das ist die Endstufe oder das Endziel seiner Reise. Das ist die verlorene Heimat.

Der große Gnostiker Moulana Djalaluddin Rumi sagt diesbezüglich:

„Diese Heimat ist nicht etwa Ägypten, Irak oder Syrien ...
diese Heimat ist ein Ort, der keinen Namen hat.“

Wir wissen nun, dass die Lichterscheinungen die höheren Stufen des menschlichen Wesens sind (verhüllt im irdischen Leben); dass der Mensch aber, der sich hinter den finsteren Schleiern befindet, sich dessen nicht bewusst ist; und dass der Wanderer jedoch durch die Gnaden und Segen Gottes und durch sein eigenes Bemühen diese Hüllen beseitigen kann, sodass er in seinem Wesen, in seinem Herzen, in seinem verborgenen Geheimnis das Antlitz Gottes erscheinen sieht.
Wir lesen in einer Hadith Qudsi: „Weder Mein Himmel, noch Meine Erde sind imstande, Mich zu beherbergen, aber das Herz Meines gläubigen Dieners umfasst mich.“ Und auch der große gnostische Dichter Djami sagt: „Die Gefolgschaften Deiner Schönheit, Deiner Güte können nicht auf der Erde und nicht in den Himmeln Platz nehmen, wie verwunderlich nur, dass Du im Herzen Platz genommen hast.“

Wie erwähnt sind Hauptproblem und Haupthindernis zur Schau Gottes Antlitzes die finsteren Hüllen; erst durch deren Beseitigung wird der Wanderer imstande sein, das Antlitz Gottes zu schauen. Der erhabene Qur’an erörtert das Beiseiteschieben des Haupthindernisses und betont wiederholt, dass Gott die Gläubigen und Rechtschaffenen aus den Finsternissen und finsteren Hüllen, die das Schauen Gottes Antlitzes verhindern, in die Lichtwelten führt, sodass sie in den Erscheinungsstätten des Lichtes Sein Antlitz schauen können - wobei nochmals festzuhalten ist, dass das Gefährliche, das Vernichtung und großen Verlust und schmerzliche Qualen nach sich zieht, eigentlich die finsteren Hüllen sind, und dass nach deren Beseitigung die Wanderung auf dem Wege zu Gott in den Lichtwelten und auch die Beseitigung der Lichthüllen mit den Gnaden Gottes nicht allzu schwer ist.


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