Vergleich des Abstiegs mit den Lichtstrahlen

Die Wahrheit des Menschen sowohl in ihrem Ursprung als auch in ihrem aktuellen, niederstufigen Zustand ist frei von Materie und deren Erfordernissen; sie hat ja auch ihre eigenen, speziellen Bedingungen und ist anderen Regeln unterworfen als die Materie. Diese ursprüngliche Wahrheit ist wie ein Licht, völlig rein, hell, frei von jeglicher Farbe, das wie beim Passieren durch verschiedene Filter aus Glas mit unterschiedlicher Transparenz und verschiedenen Farben immer schwächer wird und nach jedem Filter je nach Farbe der Filter an ihrer Farblosigkeit und Klarheit einbüßt. Der Beobachter, der dieses Licht nach dem letzten Filter oder der letzten Hülle betrachtet, hält dieses Licht mit seiner Schwäche und hinzugekommener Farbe für den ursprünglichen Lichtstrahl. Der Wanderer zu Gott - der Salik - wird durch Beseitigung der Hüllen, oder in diesem Beispiel der Filter, immer mehr den helleren, klareren, farbloseren Lichtstrahl betrachten können. Nach Entfernen der letzten Hülle oder des letzten Vorhangs oder eben der Filter wird er den ursprünglichen, farblosen, klaren, hellen Lichtstrahl ohne jegliche Unreinheit schauen. Das schwache Licht, getrübt durch die Finsternisse und Farben, ist also dasselbe Licht, das als Strahl von der Urquelle ausging; der Lichtstrahl bleibt derselbe, er ändert nichts an seiner Identität, es ist ein und dasselbe Licht, das allerdings sehr stark an Intensität verloren hat.

Es sind alles Stadien ein und desselben Lichtes, nur mit verschiedenen Intensitätsgraden; es sind also alle verschiedene Stufen einer Wahrheit. Mit Beiseiteschieben der Hüllen erreicht der schwache Lichtstrahl seine höher gelegenen Wahrheitsstufen und seine intensiveren Wesensgrade. Er schiebt sein ‚niederes Ich’ beiseite und erreicht sein höheres Ich, sodass er im Laufe des Prozesses des Beiseiteschiebens seiner niederen Stufen zum Schluss seinen Ursprung erreicht. In Wirklichkeit ist Fortgang des Lichtes nichts anderes als Fortgang des Lichtes in den Stufen seines eigenen Wesens, es ist nichts anderes als eine andauernde Fortbewegung in den verschiedenen Stationen „seines eigenen Ich“. Es ist also eine Bewegung oder ein Werden von sich aus in sich und zu sich. Es ist so wie ein Wegfliehen von seinem niederstufigen Ich zu seinem höherstufigen Wesensgrad. Die unabdingbare Bedingung zur Rettung aus dem niederen Ich und das Erreichen des höheren und schließlich des ursprünglichen Ich ist, dass er sein niederes Ich gänzlich verlässt und vergisst. Man kann nicht unter Bewahrung seiner niederen Stufen die höheren Stufen seines Wesens erreichen. Die niedere Stufe des Ich ist also der Vorhang und die Hülle seines höheren Ich.

Stellen wir einen Vergleich an und betrachten wir den Stromdurchgang in einem Stromkreis: am Anfang des Stromkreises erscheinen die dazwischen geschalteten Lampen viel heller und leuchtender, hingegen leuchtet die gegen das Ende des Kreises und die ganz zuletzt angebrachte Lampe (Asfal al safelin) wesentlich schwächer, deren Licht mit dem ursprünglichen nicht zu vergleichen ist, obwohl es identitätsmäßig ein und dasselbe ist.

Zum besseren Verständnis kann man das Herabsinken oder Herabsteigen der Wahrheit der Menschen noch vergleichen mit dem reinen, sauberen, belebenden Wasser, das aus einer erquickenden Quelle sprudelt und in einen Bach in den Gebirgen fließt, zunächst mit sehr geringfügigen Verunreinigungen vermengt, ohne einen spürbaren Qualitätsverlust zu erleiden; der in der Luft vorhandene Staub ist nicht imstande, die Qualität des reinen Wassers zu beeinträchtigen, bis es in einem weit abgelegenen Ort in eine Wasserstelle mündet und auf dem Weg dorthin verschiedene Grade der Unreinheiten erfahren hat. Durch weitere gravierende Verunreinigungen und Beimengung verschiedener Unreinheiten wird aus jenem klaren, farblosen, sprudelnden Wasser schließlich eine dicke, mit Schlamm vermengte Flüssigkeit im Bach (... des menschlichen Daseins in seinem aktuellen Zustand ...) werden. Es handelt sich wesensmäßig um das ursprüngliche, klare Wasser, das in Schlamm- und Geröllmassen so gefangen ist, dass man es nicht mehr als „Wasser“ bezeichnen kann, und doch ist es eine sehr niedere Reinheitsstufe seines Urwesens, also des sprudelnden, reinen, wahren Quellwassers. Der Beobachter glaubt, das trübe, übelriechende Wasser, das kaum zu fließen imstande ist, sei das ursprüngliche. Meist erwägt der Beobachtende nicht, dass dieses übelriechende und trübe, dicke, schmutzige Wasser einmal etwas ganz anderes gewesen war.
So glaubt auch der Mensch, dass seine Wahrheit jene aktuelle Wahrheit ist, die er gerade in den niedrigsten Stufen seines Lebens innehat.

Der Mensch wird durch Beseitigung aller Hüllen und Schleier feststellen, dass seine Wahrheit in ihrem ursprünglichen Antlitz Erscheinungsort und Offenbarungsstatt der Namen Gottes ist, die durch Beiseiteschieben und Beseitigung aller finsteren und hellen Schleier ihr vollkommenes Stadium erreicht hat. Er stellt weiter fest, dass sein (vor Beseitigung aller Hüllen) an Intensität weitgehend eingebüßtes wahrhaftiges Wesen und die hinter den Vorhängen steckengebliebene wesentliche Wahrheit bis hinauf zu seinem Urantlitz und seiner Urwahrheit ein einziges und einheitliches Wesen mit verschieden starken oder schwachen Intensitätsstufen ist, das in Erscheinung tritt, und dass all diese Erscheinungsbilder Stufen seines eigenen, einzigen und einheitlichen Wesens sind. Alle Stufen, sei es auf der sog. Abstiegsbahn jener Wahrheit bis zum irdischen Leben, sei es auf der Aufstiegsbahn seiner Wahrheit bis zum Ursprung - alle sind verschiedene Stufen ein und derselben Wahrheit. Er wird weiter feststellen, dass der Salik (der Wanderer) durch Beseitigung der finsteren und der lichten Hüllen , d.h. unter Beiseitelegen seines niederen Ich, seine hohen und höheren Wesensgrade erreicht, bis er schließlich sein ursprüngliches Ich, sein ursprüngliches Antlitz, seine Urwahrheit, die unmittelbar von dem erhabenen Ausgangspunkt aufgeht, wieder findet und mit ihr eins wird. Dann gibt es keine Entfernung, keine Hüllen mehr zwischen ihm und dem Erhabenen; anders ausgedrückt avanciert er von der Stufe von Meinem Geiste“ zur Stufe „Meines Geistes“, das bedeutet, dass der Wanderer die Stufe des Geistes Gottes erreicht hat. (Gott sagt ja: „Ich habe von Meinem Geiste in ihn eingehaucht“. D.h. der im Menschen eingehauchte Geist ist nicht Sein Geist im echten Sinn des Wortes, sondern eben von Seinem Geist. Da der Geist aber rein spirituell und abstrakt ist, also keine Materie, ist er auch nicht teilbar, sodass der Mensch einen Teil vom Geist Gottes als seinen Ursprung hätte. Dieser Ausdruck „von Meinem Geiste“ bedeutet eben, dass jener
ursprüngliche göttliche Geist nach Intensitätsverlust als menschlicher Geist manifestiert ist. )

Fortbewegung des Wanderers in den Stufen des eigenen Wesens

Der Werdegang des Wanderers in seiner fortschreitenden Vollkommenheit zum Erlangen seines wahren Antlitzes ist eine Emporhebung in den Stufen seines eigenen, einzigen und einheitlichen Wesens. Das ist eine Bewegung des Wanderers von sich in sich und zu sich, oder ein Wegfliehen von sich, das in sich erfolgt und zu sich endet. Die Bedingung des Erlangens des höheren Ich ist Verlassen seines niedereren Ich, also Rettung aus den niedereren Stufen seiner Existenz. Mit Beibehalten des niederen Ich kann der Wanderer nicht zu seinem höheren Ich gelangen. Das niedere Ich muss beiseite geschoben werden, denn das niederere Ich ist eine Hülle und ein Vorhang des jeweils höheren bis zum höchsten Ich, das keinen Abstand mehr zu Gott hat. Das höchste Ich oder die Urwahrheit des menschlichen Wesens ist immerwährend Beschauer des Antlitzes Gottes. Es ist entworden in Gottes Antlitz, (d.h. das wahre Ich des Menschen), oder anders ausgedrückt: die Wahrheit des Menschen wird durch Beseitigung aller Hüllen zum Antlitz Gottes selbst, wie ein Tropfen, der nach langem Fernbleiben von seinem Ursprung, d.h. dem Meer, wieder zum Meer zurückfindet und mit ihm eins wird und seine Identität als Tropfen in der Identität des Meeres verliert; so ist der Tropfen nicht mehr Tropfen, sondern er ist zum Meer geworden. Imam Ali a.s. sagt: „Wer sich selbst erkennt, erkennt auch seinen Gott.“

Auch Dichter und Gnostiker beschäftigen sich mit dem Werdegang des Wanderers:

Hafez sagt zu dieser Fortbewegung:
„Nichts steht zwischen dem Geliebten und dem Verliebten.
Du selbst, Hafez, bist die Hülle deines eigenen Ich. So beseitige diese.

Faiz Kashani sagt:
„Ich fragte meine Geliebte, warum denn ihr wunderschönes Antlitz vor mir verborgen sei?
Sie sagte: du bist es doch, der sich durch sein Selbst vor mir verhüllt - mein Antlitz ist sehr wohl offenbar.“

Der grosse Gnostiker Faiz sagt weiter:
„Gefangener Vogel meines Geistes, geheiligtes Wesen -
wie schön, wäre er von diesem Käfig befreit.
Wenn ich selbst meine eigene Hülle bin -
wie wundervoll, würde dieses Ich von mir befreit;
wie wundervoll, zerbräche der Krug meines Wesens im Meer der Wahrheit
und wie wundervoll, würde dessen Inhalt zum endlosen Meer.

Der große Meister Rumi über diese Fortbewegung des Wanderers:
„Willst du dich von dir und deiner Eitelkeit befreien,
so reinige du dich von dir selbst voll und ganz.
Die Farbe deines ehernen Wesens sollst du beseitigen
und durch Askese in einen farblosen Spiegel umwandeln.
Reinige dich von deinen eigenen Eigenschaften,
so dass du dein reines eigenes Ich erblicken kannst,
so dass du in deinem Herzen das Wissen und die Erkenntnis der Propheten
ohne Bücher, ohne Hilfsmittel und ohne Lehrer entdeckst.“

Das höhere und hohe Ich und schließlich das eigentliche Ich geht aus dem niedereren Ich hervor. Durch Beseitigung der Hüllen des niedereren Ich erscheint aus dem Herzen des niedereren Ich das höhere, und durch Beseitigung der Hüllen des höheren Ich erscheint wieder das höher gelegene Ich, d.h. höhere Stufen der eigenen Existenz gehen aus dem Herzen des jeweils niederen hervor. Dieser Werdegang wird so lange fortgeführt, bis alle Hüllen beseitigt sind und das eigentliche Ich oder die Urwahrheit des Menschen offenbar wird. So wird der göttliche Aspekt der Menschen aus dem Inneren des schöpferischen Aspekts offenbar, und es bleibt nur das göttliche Antlitz des menschlichen Wesens übrig und ewig.

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