Das Herabsinken des Menschen von seinem ursprünglichen und wahren Antlitz

Wir haben festgestellt, dass der Geist Gottes (der heilige Geist, der vertraute Geist, der höchste Geist, das höchste Geschöpf) die Urwahrheit ist und auch die Wahrheit und der Ursprung der Engel darstellt und diese umfasst. Er ist die vollkommene und umfassende Erscheinungsstatt und Offenbarungsort der guten Namen und schönen Eigenschaften Gottes. Er ist erhabener als alle Geschöpfe, seien sie materiell oder abstrakt. Er ist das Mittel und der Kanal für die göttliche Emanation, wodurch die Propheten, aber auch die rechtschaffenen Diener Gottes bestätigt und bekräftigt werden. Er steht über Zeit und Ort und umfasst diese, und er ist erhabener als die Welt der Urbilder und Ideen und die Welt der Abstrakten und der Engel; und die Engel sind in ihren gesamten Rangstufen dessen Offenbarungsstatt.

Nun, wie kommt es zur Herabstufung dieses Zustandes? Wodurch verliert der Mensch, dessen Stellung ohne Hüllen und Schleier unvorstellbar ist, im Diesseits all seine Schönheit und Pracht, sodass er sich gar nicht mehr vorstellen kann, welchen Ursprung er hatte und wie sein Urantlitz strahlte. Er vergaß sogar seine Wahrheit und seinen Ursprung völlig, als ob es sie nie gegeben hätte. Deswegen sucht er auch nicht danach. Was ist das nun für ein Herabsteigen? Und wie kam es dazu? Was ist das für eine Degraduierung?

Herabsteigen im Wesen und in der Existenz

Diese Degraduierung und Herabstufung bedeutet nicht, dass die aktuelle Wahrheit durch völligen Verlust ihres Urantlitzes niederere Stufen einnimmt und dieses sich degeneriert und sich degraduierend umwandelt und das Wesen des Menschen verschiedene Stationen durchläuft, in denen er die vorhergehende Stellung völlig verliert, es bedeutet vielmehr, dass jene Wahrheit und jenes Urantlitz des Menschen in niedereren Stufen seiner eigenen Existenz erscheint, während das Urantlitz in seiner Urstufe verbleibt. Das heißt, jener Ursprung erscheint unter Bewahrung seiner Originalität in niedereren Stufen. Anders formuliert sind diesem Ursprung verschiedene Erscheinungen eigen, sowohl in Längsrichtung als auch in der Breite. Die Erscheinung des Ursprungs eines Wesens in Länge und Breite manifestiert sich in verschiedenen Gesichtern dieses Wesens. Nun, bei Offenbarung oder Erscheinung des Urantlitzes oder des Ursprungs des Wesens in niedereren Stufen wird das ursprüngliche Antlitz immer schwächer und ineffektiver. Am Beginn der länglichen Manifestation des Urantlitzes sind die Erscheinungsbilder heller, deutlicher und repräsentativer. Hingegen erfährt das aktuelle Antlitz bei Aufstieg und Rückkehr zum Urbild immer intensivere Stufen seines Daseins und seiner Existenz. Es gewinnt beim Aufstieg immer mehr seine Ureigenschaften zurück, bis endlich seine aktuelle und momentane Wahrheitsstufe das erste Erscheinungsbild seines Urantlitzes, d.h. seine höchste Wahrheitsstufe, erreicht. Wenn der Mensch diese Stufe erreicht, d.h. wenn er all seine niederen und niedersten Manifestationsstufen hinter sich lässt, wird er seine Urwahrheit, d.h. Gottes Geist erreichen.

Zur weiteren Erklärung des Abstiegs und des Aufstiegs sei gesagt, dass jene Urerscheinung des Geistes Gottes in einer quasi-Abstiegsbahn immer mehr an seiner Originalität und Ursprünglichkeit einbüßt; er verliert die Intensität seines Wesens, bis er sein tiefstes Erscheinungsbild erfährt, und das ist die Stufe des irdischen Menschen, die von ihm selbst immerfort weiter in die Finsternis des Verderbens herabgestuft wurde. Nun, wenn der Mensch mit seinem aktuellen Erscheinungsbild wieder nach seinem Ursprung strebt, erreicht er auf der sogenannten Aufstiegsbahn (also auf der Rückkehr zu seinem Ursprung) immer höhere und schönere und prächtigere Erscheinungsbilder seiner Wahrheit.

Abstieg oder Degraduierung eines Wesens oder dessen Wahrheit in niederere Stufen wird unter Bewahrung seines Urantlitzes vor sich gehen, und die niedereren Stufen und Erscheinungsbilder einer Wahrheit sind nichts anderes als verschiedene Manifestationen und Offenbarungen desselben Wesens und derselben Wahrheit in niedereren, primitiveren Stufen. Jeder Ursprung und jede Urwahrheit wird bei jeder neuen niedereren Erscheinung immer begrenzter und eingeschränkter in seiner Intensität und verliert an Lauterkeit und Reinheit und er erscheint sozusagen trotz Bewahrung der Originalität in eingeschränkteren und kleineren und trüberen Spiegel. Anders ausgedrückt wird er in beschränkteren Formen und verschiedenen Hüllen manifestiert. So ist die Erscheinung jeder Wahrheit eine eingeschränkte Form und Stufe jener Urwahrheit, und wenn das Wesen in seiner Aktualität sich immer tiefer wagt und sich von außen nach innen bewegt, erreicht es sein Urantlitz und es erscheint sozusagen die Aufgangstelle seines Strahlens - und das ist nichts anderes als sein wahrhaftiger Ursprung.

Der Modus des Herabsteigens des Menschen von seinem Ursprung

Dem Menschen sind zwei völlig verschiedene und unterschiedliche Erscheinungsbilder eigen. Das eine ist das Abbild seines Urantlitzes und sein göttlicher Aspekt, das vollendete umfassende Erscheinungsstatt göttlicher Namen und Eigenschaften ist. Seine andere Erscheinung ist sein materieller oder irdischer Aspekt. Der Geist Gottes, d.h. die Wahrheit der Menschen, erscheint bei der Abstiegs- oder Aufstiegsbahn in verschiedenen Erscheinungsbildern. Er verliert beim Abstieg immer mehr an Extensität und Intensität seiner Existenz (umgekehrt beim Aufstieg). Beim Abstieg geraten die Vollkommenheiten seines Wesen hinter Hüllen und Schleier, bis er letztendlich das irdische Wesen des Menschen erreicht, d.h. die Stufe des eingehauchten Geistes im Menschen. So erscheint er in der Stufe des menschlichen Geistes, obwohl er seine Ursprünglichkeit und sein Urantlitz, d.h. die Stufe Gottes Geistes, irgendwie beibehält. Die Vollkommenheiten jener Wahrheit werden auf der Abstiegsbahn bei jeder neuen Erscheinung immer eingegrenzter und schwächer, er gerät immer mehr hinter die Hüllen, Hüllen, die an Dichte und Trübung zunehmen. Die Stufe des menschlichen Geistes ist niederste Stufe des Geistes Gottes im Abstieg, die als Einhauchen des Geistes Gottes „im“ menschlichen Körper erscheint. In dieser Stufe wird das Urantlitz, d.h. die Schönheit und die Pracht Gottes, so umhüllt und eingeschränkt und abgeschwächt, dass überhaupt keine Ähnlichkeit und Gemeinsamkeit mehr zwischen ihnen besteht, als ob es keine Verbindung mit dem Urantlitz gegeben hätte. Von der Schönheit und Pracht Gottes in dieser Stufe ist fast nichts übriggeblieben, es gibt nur Anzeichen des göttlichen Antlitzes in der irdischen Stufe, und das ist die Bedeutung des Verses: „Ich hauchte von Meinem Geiste in ihn ein.“ Der Ausdruck „von“ bedeutet natürlich nicht, dass aus dem Geist Gottes ein Teil abgespalten wurde und als menschlicher Geist erschien, sondern es handelt sich um eine Abstufung jenes Urantlitzes. ‚Von Meinem Geist’ bedeutet eben eine niederere Erscheinungsstufe jenes Geistes Gottes. Das bedeutet, dass die irdische Stufe der Wahrheit der Menschen eine Manifestation und eine Erscheinung des Geistes Gottes ist, die in Ihm seinen Ursprung hat und eng mit Ihm verbunden ist. Es ist wie ein schwacher Strahl der Sonne, der von ihr ausgeht und mit ihr in einer existenziellen, essentiellen, unweigerlichen und unabdingbaren Verbindung steht.

Imam Sadegh a.s. sagt: “Der Geist oder die Seele des Gläubigen (oder die Seele der Menschen) ist in seiner Verbindung mit dem Geist Gottes intensiver und essentieller als die Verbindung der Sonne mit ihren Strahlen.“

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