Geistesveredelung

Präambel

Erläuterung
Drei Hinweise im Qur’an
Der Mensch wurde in höchster Entwicklungsform geschaffen
Hüllen und Vorhänge, die die Wahrheit der Menschen bedecken
Herabsinken der Menschen in ihre niederste Stufe
Rumi über die Wahrheit der Menschen (Lyrik)
Qur’an animiert die Menschen, ihre wahre Heimat aufzusuchen
Überlieferungen von Imam Ali a.s. über die Notwendigkeit der Kenntnis des wahren Antlitzes der Menschen
Die Sehnsucht nach der Heimat hat den Ursprung in der Sehnsucht nach Begegnung mit Gott
Höchste Stufe der Liebe der Menschen

Wir verstehen unter Geistesveredelung oder Geistesläuterung das Reinigen von allem, wovon man rein sein muss. In Sure Shams schwört Gott 8 mal, dass gerettet ist, wer seinen Geist läutert ... „Bei der Sonne und bei ihrem Morgenglanz; und bei dem Mond, wenn er ihr folgt; und bei dem Tage, wenn er sie erstrahlen lässt; und bei der Nacht, wenn sie sie bedeckt; und bei dem Himmel und bei Dem, Der ihn aufgebaut hat; und bei der Erde und bei Dem, Der sie ausgebreitet hat; und bei einer (jeden menschlichen) Seele und bei Dem, Der sie gebildet und ihr den Sinn für ihre Sündhaftigkeit und für ihre Gottesfurcht eingegeben hat! Wahrlich, erfolgreich ist derjenige, der sie rein hält; und wahrlich, versagt hat derjenige, der sie verkommen lässt.“ ... und benachteiligt der ist, der seinen Geist verunreinigt und seine Wahrheit vernachlässigt.

Vor der Läuterung oder Veredelung des Geistes muss man zunächst:
1. die ursprüngliche Stellung der Wahrheit der Menschen kennen;
2. müssen wir uns mit unserer aktuellen Stellung und dem Niedergang unserer Wahrheit im irdischen Leben auseinandersetzen;
3. müssen wir die Stufen unseres Geistes bei der Rückkehr zu Gott kennen, sodass wir auch die Art und Weise der Läuterung erkennen; mit anderen Worten: wie soll der Mensch seinen Geist reinigen, damit er seine verloren gegangene wertvolle Stellung und die unter einer Hülle verborgenen Wahrheit seines Daseins wieder zurückgewinnt?

Wir lesen im Qur’an: „O ihr, die ihr glaubt! Wacht über euch selbst. Wer irregeht, kann euch nicht schaden, wenn ihr nur selbst auf dem rechten Wege seid. Zu Allah ist euer aller Heimkehr; dann wird Er euch enthüllen, was ihr zu tun pflegtet.“ Dieser Vers unterstreicht die Notwendigkeit der Selbsterkenntnis und der Erkenntnis seiner eigenen Wahrheit und auch, dass dadurch die Irreführung durch die anderen unwirksam bleibt. Wir lesen in Sure Tin: „Wahrlich, Wir haben den Menschen in bester Form (in bestem Zustand) erschaffen. Alsdann haben Wir ihn in die niedrigste Tiefe zurückgebracht.“ (...durch eigenes Verhalten, denn nach dem göttlichen Gesetz haftet jeder Mensch für seine eigenen Handlungen). Dieser Vers fordert den Menschen auf, seine Wahrheit und seine ursprüngliche Stellung zu erkennen. „... Wir haben den Menschen auf beste Weise erschaffen ...“ weist hin auf die Schönheit und Herrlichkeit der Wahrheit der Menschen, d.h. die allumfassende Kapazität des menschlichen Geistes.
Diese Wahrheit der Menschen, d.h. sein Geist, wird durch ‚Vereinigung mit dem Körper’ umhüllt, gerät hinter einen Schleier (weil der Geist sich nunmehr auch mit seinem materiellen Dasein und dessen Verwaltung auseinanderzusetzen hat, so büßt er gewissermaßen von seiner Reinheit und Transparenz ein), und durch weitere Umhüllungen aufgrund der von Menschen selbst erworbenen schlechten Eigenschaften und Lasterhaftigkeiten verschiedener Art und Natur gerät sie in Vergessenheit. Der Mensch gerät durch die Hüllen und Vorhänge des materiellen Daseins und seine unholden Eigenschaften in eine niedere oder in die niedrigste Stufe seines Daseins, ausgefüllt von Finsternis, Unkenntnis, Unwissenheit, Unvermögen, Armut, Bedürfnis, Gefangenschaft der Begierden, Trübsal und Unruhe. Und wenn dieser verstoßene, sich in der unterstmöglichen Stufe des Daseins befindliche Mensch sich bemüht „seinen genannten besten Zustand“ wieder zu erreichen, wird er sich zunehmend von allen diesen finsteren Hüllen befreien. Wenn der Mensch, der sind in der niedersten Tiefe befindet, seinen ursprünglichen von Gott geschaffenen Zustand erreichen will, so muss er danach trachten, diese von ihm selbst geschaffenen Hüllen zu zerreißen. Aus diesem Menschen wird schließlich das, was nicht vorstellbar ist.

Rumi :
„O du Mensch, der im Fass brodelnde berauschende Trunk
brodelt vor Sehnsucht nach dir.
O du Mensch, dein Dasein ist ein weiter und tiefer Ozean,
also was suchst du nach der Nässe?
O du Mensch, du bist die Existenz per se -
was hast du auf der Suche nach dem Nichts verloren?
O du Mensch, du leuchtender Mond! Was suchst du nach irdischem Staub?
Du Mensch, dessen wahres Antlitz die Sonne erblassen lässt!
Du bist die substantielle Essenz und der ganze Kosmos ist deine Akzidenz.
Du bist das Endziel der Schöpfung, und alles andere sind deine Schatten und
im Vergleich zu dir nichts als nur Nebensächlichkeiten.
Und du, gerade du, suchst Kenntnis aus irrigen Schriften und Büchern,
aus geschmacklosen Weizenhüllen erwartest du süßen Geschmack.
Die Vernunft, die Intelligenz, die logischen Überlegungen sind
Sklaven und Diener deiner Wahrheit
Mein Gott! Du Mensch - warum verkaufst du deine Wahrheit so billig?!
Das ganze Dasein ist verpflichtet, dir dienlich zu sein.
Wie kommt es, dass die Essenz schwächer wirkt als ihre Akzidenz?
Ein Ozean der Kenntnis und des Wissens verbirgt sich in einem Tropfen.
Der Kosmos verbirgt sich in einer kleinen Masse.
Was sucht die Sonne Darlehen von einem Stäubchen?
Und was sucht die Venus Schönheit von einer Ungestalt?“

Der letztgenannte Qur’anvers fordert den Menschen zu Reflexionen über seine ursprüngliche Stufe und Stellung auf und macht ihn aufmerksam auf Vorhänge und Schleier, die seine Wahrheit umhüllen und die Flügel seiner Seele brechen und diese Wahrheit in Engpässen und Armut und Bedürfnissen gefangen halten. Dieser Vers ladet den Menschen ein, seine ursprüngliche Stellung zu erforschen und mit seinem aktuellen Zustand zu vergleichen, sodass er motiviert wird, sich auf den Weg zu seiner wahrhaftigen Heimat zu machen, und dass er durch Führung Gottes von alledem befreit wird, wovon er sich befreien muss, um die Stufe des Entwerdens im Antlitz Gottes erreichen zu können. Wir lesen im Qur’an an verschiedenen Stellen, dass der Mensch der Stellvertreter Gottes und Träger Seines anvertrauten Gutes ist. Das sind Motivationen für einen Menschen, sich aufzumachen und sich zu seinem Gott zu begeben. Imam Ali a.s. sagt: “Wie erstaunlich ist es, dass ein Mensch nach irgendeinem verlorenen Gegenstand sucht, aber nicht nach seinem in Verlust geratene eigene Ich und nach seiner verlorengegangenen Wahrheit sucht.“ Er sagt weiter: „Wer sein eigenes Ich erkennt, wird es läutern“, und „Ein Gnostiker ist jener, der sein eigenes Ich erkennt und es befreit und läutert von alledem, was ihn von Gott entfernt.“

Aus diesen Versen und Überlieferungen ist ersichtlich, dass Erkenntnis des Ursprungs die beste Motivation zur Reinigung des Geistes und zur Beseitigung der finsteren Schleier ist, die ihn in den niedrigsten Stufen seines Daseins umhüllen und festhalten. Die Sehnsucht des Menschen und das Bestreben nach Feststellung und Erkennen seiner eigenen Wahrheit und seiner ursprüngliche Stufe leiten sich ab von der Sehnsucht nach der Begegnung mit Gott und der Ausrichtung und Fixierung auf die Schönheit Seines Antlitzes. Dieses Bestreben stammt auch ab von der Sehnsucht nach dem Entwerden im Antlitz Gottes und dem Ewigsein in Seiner Ewigkeit. Der Mensch hat wahrlich keine andere Heimat außer die Nähe Gottes, denn in dieser wundervollen Heimat besitzt er keinen Wunsch außer das Erschauen des wunderschönen Antlitzes Gottes und das Versinken in der Illumination Seiner Schönheit; er hat keine andere Liebe außer zu Ihm, und er kennt nichts als das endlose Wandern und das immer tiefere Versinken in Seiner wundervollen, wunderbaren Schönheit.

„Dein Wert übersteigt den beider Welten -
Wie schade nur, du bist dir deines Wertes nicht bewusst.“ (nach Rumi)

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